ortskundschafter

ist ein Foto-Projekt von Joachim Knobloch, Schülerinnen und Schülern des Konrad-Adenauer-Gymnasiums in Langenfeld, im Rahmen des Landesprogramms NRW | Kultur und Schule | 2009

Das Projekt Ortskundschafter unternimmt Expeditionen in die alltägliche Umwelt. Mit ihren Digitalkameras zeigen die FotografInnen, vier SchülerInnen der Jahrgangsstufe 13 des Konrad-Adenauer Gymnasiums, ihre Perspektiven auf Langenfeld und die nähere Umgebung.
Die Fotografien dokumentieren jedoch keine ethnografische Spurensuche nach den spezifischen Charakteristika der Heimatstadt. Die Bewohner und Benutzerinnen der Orte fehlen, da sie gezielt aus dem Bildausschnitt ausgeschlossen wurden oder mit Hilfe fotografischer Techniken zum Verschwinden gebracht worden sind. Nicht einmal zurück gelassene Gebrauchsgegenstände deuten Geschichten an, die sich vielleicht an diesen Orten ereignen. Lediglich Graffiti sind als persönliche Spuren erkennbar. Die funktionalen Bauten, der Bahnhof, die Autobahn und die seriell gestalteten Gebäude könnten überall verortet sein. Sie repräsentieren daher weniger die typischen regionalen Eigenheiten, wie sie etwa ein touristisches Marketing auswählen würde, sondern werden durch den subjektiven Blick der FotografInnen erkundet.
Der Interessenschwerpunkt ist dabei meist auf die kompositorischen Eigenschaften der Motive, oftmals auf geometrische Muster, gerichtet. Bewusst wird Unschärfe eingesetzt, die suggeriert, dass die Aufnahme im beiläufigen Vorübergehen entstanden sei. Kombiniert mit der relativ geringen Auflösung der Fotografien entstehen malerische Strukturen, die den subjektiven Charakter der Aufnahme betonen. Durch die digitale Nachbearbeitung können die Farbigkeiten und die architektonischen Strukturen weiter überhöht werden.
Der experimentelle Umgang mit den leicht manipulierbaren Digitalaufnahmen führt zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Aufmerksamkeit. Die Betrachtung vollzieht sich distanziert und zeitlich gestaffelt. Die Orte erscheinen irreal, wodurch jene Wegpunkte und Perspektiven in den Fokus gerückt werden, die normalerweise nur unterbewusst in den alltäglichen Wahrnehmungsprozess eintreten. Diese neue Beachtung wohnt den Orten jedoch nicht selbst inne, sondern wird durch den subjektiven Blick der Fotografen erst hergestellt.
Die Motive sind trotz ihrer seriellen Eigenschaften nicht beliebig, sondern entsprechen dem jeweiligen Interesse der Aufmerksamkeit, die sich während des Spaziergangs auf die handlungsentleerten Szenen richtet und dadurch nur vom passenden Moment der Lichtstimmung, aber besonders von der Stimmung des Fotografen erfahrbar sind. Teilweise erinnern die Aufnahmen dabei an Filmstills, ohne dass der Betrachter jedoch mehr über eine fortlaufende Geschichte erfahren könnte. Das Bild der Heimat liegt hier nicht in den objektiven Eigenschaften einer Ansammlung von Gebäuden, Bäumen und Straßenzügen, sondern zeigt sich in den subjektiven Wahrnehmungsvorgängen, die konzentriert eigene Ordnungsstrukturen und Orte entwickeln.
Christina May, M.A.